don`t take it private, take it politically

Künstlerische Interventionen im (teil-) öffentlichen Raum, die sich primär mit dem Sichtbarmachen von (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen und dem Hinterfragen von tradierten Geschlechter- und Machtverhältnissen im persönlichen Nahraum beschäftigen.
Projekt gefördert im Rahmen von TKI open 06 und EU Programm Jugend
Mehr über das Radikale Nähkränzchen in folgenden Publikationen:
Craftista! Handarbeit als Aktivismus
2011, critical crafting circle (Hg.), Ventil Verlag
Zur Materialität des feministischen Widerstands
Textile Agency gegen sexualisierte Gewalt und Femicides
2021, Sarah Held, Dr. phil.,




Christine Pavlic und Barbara Maldoner-Jäger antworten auf Fragen von Elke Zobel in
Handarbeit als Aktionismus im öffentlichen Raum. Das Radikale Nähkränzchen

Aus dem Buch:
Craftista! Handarbeit als Aktivismus, critical crafting circle (Hg.), Ventil Verlag
Ihr habt vor ein paar Jahren das Radikale Nähkränzchen in Innsbruck gegründet. Wie ist es dazu gekommen?
Das Radikale Nähkränzchen wurde im Herbst 2005 als Arbeitsgemeinschaft gegründet und bestand anfangs aus vier Frauen (Barbara Maldoner-Jäger, Carina Pröll, Nora Wimmer und Christine Pavlic), die sich in experimenteller Weise mit frauenspezifischen und feministischen Themen und Fragestellungen beschäftigten.
Entstanden ist das Radikale Nähkränzchen aus dem Wunsch heraus, sich abseits von männlich dominierten politischen Gruppen zu organisieren und sich mit gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen künstlerisch auseinanderzusetzen. Wir bezogen uns weder auf schon vorhandene Gruppierungen, noch auf ganz bestimmte Strömungen innerhalb der feministischen Theorie und Praxis. Die wesentliche Motivation bestand vielmehr darin, im kleinen Kollektiv an aktuellen gesellschaftlichen Themen zu arbeiten, wobei vor allem die Verbindung vom politischen Engagement und künstlerischem Anspruch im Vordergrund stand. Zu unseren Arbeitsschwerpunkten gehör(t)en die Themen sexualisierte Gewalt im sozialen Nahraum, die radikale Infragestellung der patriarchalen Geschlechterrollen und –stereotypen, sowie die Kritik an der gesellschaftlichen Praxis, Öffentlichkeit und Privatheit immer noch strukturell zu trennen.
Welche konkreten Themen und Strategien habt Ihr dabei aufgegriffen?
Fakten, Ideen und Gedanken haben wir in unserem Projekt „home sweet home“ recherchiert und umgesetzt, das die alltäglichen Illusionen vom “trauten Heim” irritieren sollte. Ging es uns doch vor allem darum, die sogenannten eigenen vier Wände, die im öffentlichen Diskurs als Hort der Ruhe und Sicherheit vor Übergriffen propagiert werden, als jenen Ort zu thematisieren, an dem mit Abstand die meiste Gewalt gegen Frauen tatsächlich stattfindet. Aus diesem Grund haben wir ein Wohnzimmer nachgebaut, in dem alle Möbel und Einrichtungsgegenstände mit Fakten und Informationen versehen waren, um die Gewalt gegen Frauen sowie deren Ursachen in festgezurrten Geschlechterkonflikten zu dokumentierten – sowohl in unsymmetrischen Parner_Innenschaftszwängen, als auch aufgrand von strukturellen Benachteiligungen in der Berufswelt und im Alltag. Entgegen der weit verbreiteten Tendenz, Gewaltverhältnisse zu tabuisieren, zu ignorieren oder darüber nicht reden zu wollen, hat das Projekt auch das Ziel verfolgt, diese skandalisierten Themen und Fakten einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, und mit neuen kreativen Formaten die übliche Verdrängungsroutine bei solchen Themen zu durchbrechen. Programmatisch haben wir dabei auf die traditionelle Handwerkskunst zurückgegriffen, die klassischerweise Frauen zugeordnet ist, wie beispielsweise Sticken und Nähen. Weitere Strategien waren: Das “Verstecken” der Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum wie dem heimeligen Wohnzimmer, wo auf den ersten Blick alles wie ein ruhiger, kuscheliger Rückzugsort erschein. Bei näherem Hinsehen allerdings zerbricht die Idylle an der Realität.
An den dargestellten Klischees wird die triviale soziale Realität durch Kontraste verfremdet und irritiert – als überinszenierte Wirklichkeit -, um denoch so stark verinnerlichten Stereotypen ihre scheinbare Natürlichkeit zu nehmen. Wir spielten gezielt mit dem Klischee „Hausfrau“, um es durch bewusste, stilisierte Überaffirmation zu zerstören. Auch hier ging es darum, sich die Habitus-Schablonen der emsigen Familienmutter und waschmittelbegeisterten Sauberfrau kritisch neu anzueignen, sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herauszuheben und in neue Bedeutungsfelder zu stellen, was mitunter einen surrealen Effekt erzeugte. Das Aufgreifen, die Kritik und die Sichtbarmachung von gesellschaftlich praktizierter Machtgebärden der Erniedrigung sowie die Herrschaftsgesten zynischer Überheblichkeit angesichts struktureller Ungleichheiten waren der Anlass, das Material sowie die Methode unserer künstlerischen Interventionen. Die Konstruktion von Heimat war deine Möglichkeit, geschlechtsspezifische Festschreibungen weiblicher Identiätskonstrukte, Arbeitsrollen und Lusterwarten allgemein verständlich zu erfassen und zugleich subervsiv zu unterlaufen: Wurden doch die impliziten Vorurteilsstrukturen und verkrusteten Verdrängungen durch unsere Kunstintervention aufgebrochen und als politscher Inhalt eplizit herausgestellt. Ohne zusätlichen didaktischen Aufwand konnte dadruch gleichzeigig das assoziierte Thema weiblicher Rollenmodelle aufgegriffen und spontan mit dem Publikum diskutiert werden: so gelang es, einen experimtellen Raum zu erzegen, der gleichsam unmittelbar als Ort kritischer Diskurse funktionierte und zur Auseinandersetzung anregte.
Im englisch sprachigen Raum gibt es eine Reihe von (mehr oder weniger) aktivistischen Crafting Circles, wie etwa die Stitch´n Bitch Gruppen, die öffentlich stricken. Wie positioniert Ihr euch dazu?
Unserer Meinung nach gibt es zwischen den Stitch`n Bitch Gruppen und dem Radikalen Nähkränzchen nur methodische Gemeinsamkeiten. Wir kennen die Stitch`n Bitch Gruppen allerdings nur aus dem Internet und hatten auch mit keiner der vernetzten Gruppen Kontakt. Da unsere Auseinandersetzung also eher oberflächlich war, können wir hier nur unsere Eindrücke wiedergeben. Auf den Homepages geht es hauptsächlich um bestehende Zirkel, um Tipps und Infos, wie frau selbst etwas ähnliches gründen könnte, um Patterns, Strickmuster, Fotos etc. Bisher sind wir allerdings auf kaum eine Website gestoßen, in der klare Inhalte, Hintergründe und Ziele formuliert wurden. Das hat für uns einige Fragen aufgeworfen, etwa: Gibt e shier einen feministischen oder queeren Kontext? Die Webseiten erwecken eher den Eindruck, dass vor allem die Methode, also die Aktivität des St(r)ickens selbst im Vordergrund steht, und weniger klare Botschaften und Inhalte. Trotz dieser Leerstellen denken wir, dass das Stitch`n` Bitch-Netzwerk einiges an politschem und aktionistischen Potential birgt, wie beispielsweise in Bezug auf Wiederaneigungen im öffentlichem Raum, oder aufgrund deren Vernetzungen, hier auch verstanden als politsche Praxis.
Wir haben uns mit dem Radikalen Nähkränzchen nie als Teil der Radical-Crafting-Bewegung gesehen und positioniert. Die Idee zur Gründung des Radikalen Nähkränzchens hatte trotz zeitlicher Überschneidungen nichts mit Craftivism-Zirkeln zu tun. Ein anderer Grund, wieso wir uns nicht als Teil der Radical-Crafting-Bewegung begreifen, liegt auch darin, dass für uns Sticken und Nähen in erster Linie eine Ausdrucksform (von vielen möglichen anderen) darstellt, es uns also vor allem um die aufgegriffenen Themen und Problematiken ging, und nicht um die Handarbeit an sich. In diesem Sinne sehen wir unsere Arbeiten und unser Projekt nicht als Teil deiner Bewgung bzw. auch nicht als etwas Revolutionäres. Dabei handelt es sich viel mehr um eine Methode und ein konkretes aktionistisches Instrument, für das wir uns aus unterschiedlichen Gründen entschieden haben. Dennoch auch wenn die Methode zweitrangig war, ließ sie sich im Zuge des Projekts traditinelle Handwerkskunst durchaus auch als politsiches Werkzeug verwenden. Unter dem Motto “Every toll is a weapon if you know how to use it” konnten auch die Vorstellungsmuster, die solchen Handarbeitstechniken im Alltag zu Grunde liegen, irritiert und ein Stück weit auch unterlaufen werden. Genau genommen wurden wir erst im Laufe des Projektverlaufs durch eine Frage bei einem Interview auf Craftivism aufmerksam gemacht. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Radikalen Nähkränzchen und der Radical Crafting Bewegung liegt wohl auch darin, dass sticken und nähen in erster Linie eine Ausdrucksform (von vielen möglichen anderen) darstellte, es uns also vor allem um die aufgegriffenen Themen und Problematiken ging, und nicht um die Handarbeit an sich. In diesem Sinne sehen wir unsere Arbeiten und unser Projekt nicht als Teil von einer „revolutionären“ (Crafting) Bewegung bzw. auch nicht selbst als etwas Revolutionäres an. Dabei handelt es sich viel mehr um eine Methode und ein konkretes Instrument, für das wir uns aus unterschiedlichen Gründen entschieden haben.
Viele Eurer Aktionen sind auch im öffentlichen Raum angelegt. Wie konntet Ihr Euch in den öffnetlichen Raum in Innsbruck (bzw. Tirol/Österreich) einschreiben?
Im öffentlichen Raum haben wir auf zwei Ebenen agiert. Für die Präsentation des Projekts „home sweet home“ wählten wir die Form einer Ausstellung. Dadurch wurden zentrale Themen und Anliegen durch einen konkreten Raum nach außen kommuniziert. Als Umsetzungsort haben wir uns für ein leerstehendes Geschäftslokal in der Innsbrucker Bogenmeile entschieden. Eine Transparenz konnte vor allem durch die durchgängige Glasfront der Lokalität hergestellt werden, die wie eine durchsichtige Grenze `das Private´ nach außen kehrte. Gerade im Hinblick auf unser nachgestelltes Wohnzimmer bedeutete dies, dass die eigentliche gesellschaftliche Abgeschiedenheit des Heimes gleich mehrfach unterlaufen wurde: unser Wohnzimmer wurde so nicht nur „zur Schau gestellt“, wobei selbst vorbeischlendernde PassantInnen – oft wohl auch unfreiwillig – involviert wurden und Einblicke in unser unheimliches Heim erhaschen konnten. Gleichzeitig ließ sich hinter der gläsernen Front nichts verbergen. Alles war für die Öffentlichkeit einsehbar, Ignoranz und Wegblicken war aufgrund der Irritation, die ein kitschiges Wohnzimmer hinter einer gläsernen Fassade hervorruft, die normalerweise käufliche Waren anbietet, wohl ziemlich schwer möglich. Damit wurde auch in symbolischer Weise das Private in einen öffentlichen Raum umgewandelt und Gewalt gegen Frauen in einen politischen Zusammenhang gestellt. Die Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit wurde so für den Zeitraum der Ausstellung in gewisser Weise räumlich außer Kraft gesetzt. Umgekehrt funktionierte die Grenzverschiebung natürlich genauso: auch von Innen ließ sich der Außenraum genau beobachten und waren „Ausblicke“ gegeben. Da die Bogenmeile aufgrund der zahlreichen Ausgehlokale auch in der Nacht ein stark frequentierter Ort ist, war es auch möglich, den Raum nachts durch Beleuchtung in seiner Leere auch für sich selbst sprechen zu lassen. Zusätzlich haben wir während der Ausstellungstage ein Stickhappening, bzw. drei Stick-Ins in der Innenstadt veranstaltet. Dabei handelte es sich um expermentelle-irrittative Darbietungen, währed denen wir PassantInnen ganz unvermittelt mit dem Thema Gewalt im Geschlechterverhältnis konfrontiert haben.
Interessant ist dabei auch die Arbeit im Kollektiv und der Prozess der Kollaboration. Zu Beginn ward ihr ja als Kollektiv aktiv, derzeit eher als Einzelpersonen an den Schnittstellen von Kunst- Feminismus- Aktivismus: Christine, du hast begonnen Parkbänke zu besticken und Barbara, du hast deine Diplomarbeit über das Ladyfest Wien geschrieben. Welche Erfahrungen habt ihr mit feministischer Selbstorganisation in einem Kollektiv gemacht und wie haben sich diese Erfahrungen auf Eure eigene Arbeit ausgewirkt?
Maldoner-Jäger: Für mich war es eine sehr wichtige Erfahrung, mich mit anderen Frauen zusammenzutun. Vor dem Radikalen Nähkränzchen war ich beispielsweise in keiner Gruppe aktiv, was vor allem daran lag, dass mich bestehende Gruppen nicht ansprachen. Dann gab es plötzlich die Möglichkeit gemeinsam mit anderen Frauen an Themen zu arbeiten, die mich beschäftigten und herausforderten – und das auf eine Art, die völlig neu für mich war. Es war wie ein Stein, der ins Rollen kam: neben dem Radikalen Nähkränzchen formierte sich in Innsbruck auch eine aktionistisch orientierte Frauengruppe, zu der immer mehr Personen stießen. Rückblickend ist es wirklich erstaunlich, wie viel damals passiert ist, wie intensiv diese Monate waren und wie schnell Ideen konkret und in die Tat umgesetzt wurden, auf wie vielen verschiedenen Ebenen gearbeitet wurde und wie sich fast schon ganz selbstverständlich unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte vor allem innerhalb dieser Frauengruppe herauskristallisierten. Neben Aktionen im öffentlichen Raum haben wir beispielsweise auch ein feministisches Straßenfest organisiert, einige haben einen Vortrag zum Thema “Herrschaft, Geschlecht und Subkulturen” ausgearbeitet und es wurden unterschiedliche Workshops (WenDo, Grölen, Drag King …) initiiert. Es ist zwar wichtig, das Radikale Nähkränzchen und die damalige Frauengruppe nicht in einen Topf zu werfen und getrennt zu denken, trotzdem ist es nicht so leicht, in der Erinnerung eine konkrete Trennlinie zu ziehen, da es nicht nur zeitlich, sonder auch thmatische Überschneidungen gab. Bei meiner Diplomarbeit geht es um feministisch- queere Raumkonstruktionen am Beispiel des Wiener Ladyfests. Zu Beginn war ich etwas unsicher, ob ich wirklich zu diesem Thema schreiben soll, da ich die Wiener Ladyfeste nur aus der Perspektive einer Besucherin kannte. Ich fand das anfangs etwas problematisch, von einer `außenstehenden´ Position aus zu schreiben, da ich kaum Einblicke in die bisherigen Organisationsprozesse hatte und auch keine Personen kannte, die wirklich involviert waren. In diesem Sinne haben meine bisherigen Erfahrungen mit feministischer Selbstorganisation eigentlich die Legitimation für mich dargestellt, wirklich bei dem Thema Ladyfest Wien zu bleiben, da es hier doch einige Verbindungslinien gab. Auf der anderen Seite hatte ich das Gefühl, dass ich durch die unterschiedlichen Erfahrungen auch das notwendige Feingefühl mitbrachte und eine differenziertere Perspektive im empirischen Teil einnehmen konnte, z. B. im Bezug auf organisatorische und finanzielle Belange.
Pavlic: Mir geht bzw. ging es ähnlich wie Barbara und da zwei von uns aus Innsbruck wegegezogen sind und so eine intensive gemeinsame Arbeit schwer möglich ist versuche ich mich auf meine persönliche vor allem künstlerische Weiterentwicklung zu konzentrieren. Ich beschäftige mich nach wie vor mit denselben Themen, nur die Umsetzung verändert sich. Ich sticke zwar noch traditionell mit Nadel und Garn jedoch nicht mehr auf Stoff sonder durch Wände oder Alltagsgegenstände. Wie bei meinem Letztem Projekt, `die Bank, das Garn und die Bohrmaschine…` wo ich Parkbänke im öffentlichen Raum durchstickt habe.
Wie seht Ihr aktivistische, kollektive Arbeit im Sapnnnungsfeld von Selbstermächtigung und Selbstausbeutung?
Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Das hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab, vor allem ob die Selbstausbeutung oder eher die Selbstermächtigung überwiegt. Und auch von der Gruppengröße, den vorhandenen Ressourcen, dem konkreten Projekt, den damit verbundenen Zielen, dem Rahmen der Umsetzung, den zu bestreitenden Finanzen, den Kommunikationsstrukturen, den internen Hierarchien und/oder Konflikten, dem Projektverlauf, den Erwartungen oder dem `Erfolg´ etc. Zu Beginn stellt sich auch immer die Frage, wieviel Energie, Zeit und Nerven in ein Vorhaben investiert werden müssten und was auf der anderen Seite erreicht werden soll. Mache ich die Dinge vordergründig für mich selbst, oder geht es vor allem darum andere Personen zu erreichen? Geht es darum einen Austausch zu initiieren, einen Raum für Auseinandersetzungen zu schaffen, Orte zeitweilig inhaltlich umzubesetzen, Verwirrung zu stiften oder zu provozieren? Es ist sicher von Vorteil, konkrete Ziele im Vorfeld zu formulieren und die vorhandenen Ressourcen mit dem nötigen Aufwand abzuwägen. Meine/ unsere Erfahrungen dazu waren sehr unterschiedlich.
Seht ihr euch als Vertreterinnen einer dritten Welle der Frauenbewegung oder eines D.I.Y- Feminismus? Gibt es Aktionen oder Projekte, mit denen ihr euch auf einen Third Wave Feminismus bezieht – oder auf andere Feminismen?
Generell stehen wir solchen Etikettierungen eher kritisch gegenüber, da die absolut- Setzung einer Kategorie immer problematisch ist. Aus diesem Grund beziehen wir auch keine eingrenzbare Position innerhalb der Feminismen. Wir begreifen die etablierten Strömungen viel eher als eine Art `Werkzeugkasten´, aus dem frau sich situationsspezifisch bedienen kann. So ist es beispielsweise möglich, im Alltag eher mit gleichheitsfeministischen Positionen und Forderungen zu argumentieren, aktionistisch auf differenzfeministische Strategien zurückzugreifen (z. B. mit separatistischen Formen der Organisation oder der temporären Installation von `women only´ Räumen), auf theoretischer Ebene aber den gesellschaftlichen Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit oder die institutionalisierte Heteronormativität zu kritisieren. Das wäre beispielsweise nicht möglich – ohne uns in Widersprüche zu verwickeln -, wenn wir uns hier nur auf eine Strömung innerhalb der feministischen und queeren Theoriebildungen beziehen würden. Einengungen produzieren immer Ausschlüsse, während flexible und thematisch bedingte Bezugnahmen viele Möglichkeiten und vor allem eine Menge Spiel- und Argumentationsraum eröffnen. Wir finden eben nicht, dass sich diese Generationen ausschließend gegenüber stehen müssen, sondern sich auch ergänzen können. Fragestellungen und Problemaufrisse die in den jeweiligen Etappen der feministischen Theoriebildungen ausgeblendet bleiben, können so berücksichtigt werden. Das gilt für den queeren Feminismus ebenso wie beisielsweise für den Gleichheitsfeminismus.
Maldoner-Jäger: In meiner Diplomarbeit lassen sich aufgrund des Themas und meiner poststrukturalistischen Argumentationsweise klare Bezüge zum Third Wave Feminismus herstellen. Das war allerdings keine bewusste Entscheidung. Es war vielmehr so, dass ich im Laufe der Bearbeitung auf den Begriff der `dritten Welle´ gestoßen bin und ich mich da erst mal orientieren musste.
Wie bewertet Ihr das politische Potential von Crafting: eher als retro-utopische Sehnsucht nach Häuslichkeit, Individualität und Authenzität oder als femnistisch-emanzipatorisches Potential? Unter welchen Umständen kann Crafting potiv besetzt werden und “revolutionär” oder politisch sein?
Hier ist es sehr schwierig eine allgemeine Antwort zu geben. Aus diesem Grund beziehen wir uns hier erst mal auf den Begriff der “New Domesticity”, wie er von Debbie Stoller, der Herausgeberin des amerikanischen feinistischen Popmagazins “Bust”, vertreten wird. Wir haben Stollers Crafting-Bücher nie gelesen. Dennoch wirkt der von ihr geprägte Begriff der “neuen Häuslichkeit”, bei dem es darum geht, Haus- und Handarbeit bewusst poitiv zu besetzten , um eine wirklichche Gleichstellung zu etablieren, sehr fraglich. Plump formuliert handelt es sich dabei um einen reaktivierten Imperativ (“wir müssen/sollen …”), der vordergründig für Frauen gilt. Problematisch ist dabei vor allem, dass hier patriarchale Strukturen und Rollenmodelle, die Frauen regelrecht in den häuslichen, also den privaten Bereich zwingen, völlig ignoriert und einfach als etwas Positives übernommen werden. Wir leben nicht in einer Gesellschaft, in der es die Freie Wahl gibt, ob Frauen im Haushalt und – damit zusammenhängend – im Fürsorge- und Reproduktionsbereich tätig sein wollen. Das wird ganz einfach als selbstverständlich vorausgesetzt und erwartet. Gleichzeitigfallen damit zusammenhängende Probleme bei Debbie Stoller völlig aus dem Blick: unbezahlte Arbeitsstunden, abgewertete Arbeit, finanzielle Abhängigkeit, das Haus als jener einzige gesellschaftliche Bereich, der Frauen zugestanden und zum Mittelpunkt des Lebens wird etc. Bei der Trennung in öffntliche und private Räume und den damit verbundenen geschlechsspezifischen Zuweisungen handelt es sich nach wie vor um ein gesellschaftliches Gewaltverhältnis, das notwenig ist, um die herrschende Ordnung aufrechtzuerhalten- wohlgemerkt auf Kosten von Frauen. Um die Frage zuzuspitzen: Was ist an Hausarbeit und Handarbeit per se progressiv? Und wie soll damit Gleichstellung erreicht werden? Wer ist damit überhaupt gemeint? “Wir” westliche Frauen der weißen Mittelklasse? Eigentlich besteht hier das Risiko, dass die patriarchal geprägten Rollenbilder und Zuschreibungen bestätigt und legitimiert, Differenzen zwischen Frauen verleugnet und unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse negiert werden.
Wie beurteilt ihr den Crafting Trend im gesamtgesellschaftlichen Kontext, in dem Massenproduktion, ökonomische Ausbeutung, prekäre Organisationsformen und die Vermarktung der Frauen vorherrscht?
Wir glauben nicht dass es Sinn macht, den Crafting Trend als Gegenbewegung zur Massenproduktion zu definieren. Dinge selber zu entwerfen, hat natürlich seine Vorteile, aber oft ist es auch einfach notwendig, beispielsweise aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen. Weltweit gibt es sehr viele Menschen, die ganz einfach darauf zurückgreifen müssen. Gerade hier gibt es auch einen strukturellen Unterschied zwischen dem reichen Westen und anderen Ländern, wo das, was bei uns unter DIY fallen würde, eine alltägliche Überlebensstrategie und Notwendigkeit darstellt. Aus dieser Perspektive ist Crafting also nicht unbedingt ein Gegenstück zur ökonomischen Ausbeutung, sondern ist oftmals auch ganz einfach ein Resultat davon.
Im Hinblick auf die gesellschaftliche Normierung von Frauenkörpern, bei der die Modeindustrie eine nicht zu unterschätzende Funktion einnimmt, kann Crafting allerdings sehr wohl dazu beitragen, die einheitliche Setzung der Körper durch vorgegebene Kleidergrößen, über die ja auch Normalitäten hergestellt werden, zu durchbrechen, indem frau sich nicht dem teilweise regelrecht demütigenden Shoppinghorror aussetzten muss, sonder die benötigte/gewünschte Kleidung auch selbst schneidern kann.
Was haltet Ihr von DIY als alternativ-ökonomischem KleinunternehmerInnen-Modell?
DIY als alternative-ökonomisches Kleinunternehmer_Innenmodell … Das hört sich schon etwas widersprüchlich an. Eigentlich ist die DIY-Idee ja auch damit verbunden, der kapitalistischen Waren- und Verwertungslogik ein Stück weit zu entgehen. Auch wenn es, wie bereits angeführt, unserer Meinung nach nicht so viel Sinn macht, Mainstream und DIY als zwei gegensätzlich und sich ausschließende Pole festzulegen, glauben wir, dass durch die Verbreitung von DIY in Form von Ich-AGs doch einiges an Potential verloren gehen kann. Denn kommt es zu einer Etablierung, dann handetlt es sich ja um eine ziemlich nahtlose Integration in den Fluss der kommerzielleren Warenökonomie. Auf der anderen Seite ist es aber auch gut nachvollziebar, wenn damit Geld verdient und das eingefordert werden soll, was Frauen bei diesen Tätigkeiten normalerweise gesellschaftlich verwehrt bleibt: nämlich die Bezahlung.
